đź’™ Ein Film, der viel zeigen will – und am Ende zu wenig erzählt.
Wieder ein Film fĂĽr den Pride Month – und ich möchte in diesem Monat einfach etwas mehr Farbe in die Rubrik bringen. Also diesmal keine schwule Liebesgeschichte, sondern eine lesbische. Keine Sorge: Das, worauf einige von euch vermutlich warten, kommt auch noch.
Da ich kein groĂźer Freund von Onlinehändlern bin, wollte ich diesen Film unbedingt im regionalen Handel kaufen – gar nicht so einfach.
Der Videothek-Mitarbeiter hatte noch nie von ihm gehört, was mich wirklich wunderte, wenn man sich ein bisschen mit aktuellem Kino beschäftigt (das war damals immerhin 2017 oder so).
Media Markt Nummer 1: Fehlanzeige. Also 15 Kilometer weiter zum nächsten Elektroriesen – dort lag er dann endlich. Nur auf DVD, aber egal.
Ich war gespannt, denn eine lesbische Liebesgeschichte als Hauptmotiv hatte ich bisher noch nie gesehen.
🎬 Inhalt (Spoiler)
Die Schülerin Adèle ist in ihrer Clique unglücklich.
Ein kurzer Flirt mit einem Jungen endet schnell – es fĂĽhlt sich einfach nicht richtig an.
Erst die junge KĂĽnstlerin Emma weckt ihr Interesse.
Sie lernen sich in einer Lesbenbar kennen, in die Adèle ein schwuler Freund mitnimmt.
Während ihre Mitschülerinnen über sie lästern, bleibt Adèle standhaft.
Der Kontakt zu Emma wird intensiver, schlieĂźlich werden sie ein Paar.
Adèle stellt Emma ihren Eltern als Nachhilfelehrerin vor – zu diesem Zeitpunkt sind sie längst zusammen.
Sie ziehen zusammen: Adèle arbeitet als Lehrerin, Emma malt und versucht, sich in der Kunstszene durchzusetzen.
Doch zwischen den beiden wächst die Distanz. Adèle fühlt sich in Emmas Freundeskreis fremd, Emma ist enttäuscht, dass Adèle ihre intellektuellen Ambitionen nicht teilt.
Ausgerechnet mit einem Kollegen aus der Schule beginnt Adèle eine Affäre.
Als Emma sie erwischt, wirft sie Adèle hinaus.
Drei Jahre später treffen sie sich wieder.
Adèle gesteht, dass sie nie wieder jemanden so geliebt hat wie Emma.
Doch Emma hat inzwischen eine neue Partnerin – und ein Kind, das ihr wichtig geworden ist.
Adèle besucht eine Ausstellung von Emma, trifft dort ihren alten Freund Samir – und verschwindet leise aus dem Raum, während Samir ihr folgen will, aber den falschen Weg nimmt.
🎠Hintergründe
Der Film dauert 179 Minuten (FSK 16) und basiert auf dem gleichnamigen Comic von Julie Maroh.
Gedreht wurden ĂĽber 750 Stunden Material, das auf drei Stunden gekĂĽrzt wurde.
In den Hauptrollen:
Léa Seydoux (Spectre, The French Dispatch) als Emma und
Adèle Exarchopoulos als Adèle.
Beide berichteten später, dass die Arbeit mit Regisseur Abdellatif Kechiche extrem belastend war – besonders die langen Sexszenen, die sie heute ablehnen.
Kechiche drohte daraufhin, den Film gar nicht zu veröffentlichen, sollte sein Name in der Presse negativ auftauchen.
Auch die Comic-Autorin Julie Maroh bezeichnete den Film als „pornografisch“.
Trotzdem gewann Blau ist eine warme Farbe 2013 in Cannes die Goldene Palme – eine Auszeichnung, die erstmals auch ausdrĂĽcklich den beiden Hauptdarstellerinnen verliehen wurde.
đź’¬ Fazit
Echt schade – bei mir hat der Film nicht gezĂĽndet.
Die Schauspielerinnen sind groĂźartig, keine Frage. Auch die Kameraarbeit ist intensiv und nah dran an den Figuren.
Aber die Erzählweise ist holprig, die Zeitsprünge schlecht markiert, und der Film verwechselt Sex mit Liebe.
Szenen wirken wie aus dem Nichts zusammengeschnitten:
Sie liegen auf einer Wiese – Schnitt – minutenlange Sexszene.
Dann plötzlich wohnen sie zusammen. Wann, wie, warum – keine Ahnung.
Wichtige Fragen, wie Adèles Coming-out oder die Reaktion ihrer Eltern, werden einfach übersprungen.
Diese 7-Minuten-Sexszene, die damals so berĂĽchtigt wurde, ist symptomatisch:
Der Film glaubt, er mĂĽsse Intimität zeigen, um Nähe zu erzeugen – aber er zeigt nur Körper, keine GefĂĽhle.
Nach drei Stunden wusste ich viel ĂĽber Haut, aber wenig ĂĽber die Menschen.
Das macht den Film anstrengend, langatmig und emotional leer.
Ein Liebesfilm, der ĂĽber die Liebe nichts zu sagen hat.
Zum Vergleich: Shortbus geht ähnliche Themen viel ehrlicher an, kürzer, offener und deutlich besser erzählt.
Blau ist eine warme Farbe hätte gut getan, auf 100 Minuten reduziert und klarer strukturiert zu werden.
Fazit: handwerklich stark gespielt, aber dramaturgisch schwach.
5 von 10 Punkten – ganz knapp an der 4 vorbeigeschrammt.
| Kategorie | Wertung | BegrĂĽndung |
|---|---|---|
| Story | ⭐⭐☆☆☆ | Die Grundgeschichte ist stark, wird aber sprunghaft und unklar erzählt |
| Darstellerinnen | ⭐⭐⭐⭐⭐ | LĂ©a Seydoux und Adèle Exarchopoulos spielen intensiv und tragen den Film |
| Kamera & Nähe | ⭐⭐⭐⭐☆ | Sehr nah, sehr körperlich, oft stark beobachtet |
| Dramaturgie | ⭐⭐☆☆☆ | ZeitsprĂĽnge und Entwicklung der Beziehung bleiben zu oft unmarkiert |
| Queer-Cinema-Wert | ⭐⭐⭐☆☆ | Wichtig als lesbische Liebesgeschichte im Arthouse-Kino, aber problematisch in der Perspektive |
| Emotion | ⭐⭐☆☆☆ | Viel Körperlichkeit, aber fĂĽr dich zu wenig echte innere Bindung |
| Wiedersehwert | ⭐⭐☆☆☆ | Zu lang, zu zäh, zu wenig erzählerischer Sog |
Endwertung: 5 von 10 Punkten
Handwerklich stark gespielt und intensiv gefilmt, aber dramaturgisch zu sprunghaft und emotional zu leer. Ein Film, der viel zeigt, aber zu wenig erzählt.
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