đŹ Wir sind noch immer im Pride Month und ich sagte ja, ich bringe diesen Monat mal ein wenig mehr Queer Cinema. Aber einen Coming-of-Age-Film nach dem anderen rauszuhauen, wĂ€re nun wirklich lahm. Darum heute eben dieser Film. HomosexualitĂ€t ist hier Teil der Handlung, aber mit Sicherheit ist das nicht der Film, an den viele bei Queer Cinema zuerst denken. Keine jungen, gut aussehenden SixpacktrĂ€ger mit eingeöltem Oberkörper, keine Sommerliebe am See, kein dramatischer Blick ĂŒber den DĂŒnenrand. Sondern ein historisches Drama ĂŒber ein Leben, das gröĂer war als die Zeit, in der es stattfinden musste. Und fĂŒr das beste adaptierte Drehbuch gab es auch einen Oscar. Zu Recht, wie ich finde.
⚙️Inhalt mit Spoiler
1927 – Der Junge, der anders war
Alan Turing wird als Kind von seinen MitschĂŒlern gemobbt.
Er ist kein „normaler“ Junge, sondern hochintelligent.
Sein einziger Freund ist Christopher, der ein Buch ĂŒber VerschlĂŒsselungen besitzt –
die beiden schreiben sich darin geheime Nachrichten, die kein Lehrer versteht.
Alan verliebt sich in Christopher und will ihm nach den Ferien seine Liebe gestehen –
in einem verschlĂŒsselten Brief.
Doch Christopher kommt nie zurĂŒck: Er war schwer krank und ist gestorben.
Der Rektor teilt Alan den Tod mit.
1939 – Der Code des Krieges
Der Krieg zwischen Deutschland und England tobt,
und Alan Turing bewirbt sich fĂŒr eine militĂ€rische Spezialeinheit,
deren Aufgabe es ist, die Enigma-Maschine zu knacken.
Diese Maschine verschlĂŒsselt alle deutschen Nachrichten,
jeden Tag mit neuen Einstellungen – Millionen von Kombinationen,
zu viele, um sie rechtzeitig zu entschlĂŒsseln.
WĂ€hrend andere manuell an einzelnen Codes arbeiten,
geht Turing einen eigenen Weg:
Er will eine Maschine bauen, die die Enigma versteht.
Seine herablassende Art bringt ihm keine Freunde.
Die Kollegen beschweren sich –
doch Turing sichert sich das Okay von ganz oben,
und Churchill macht ihn zum Leiter des Teams.
Er feuert erst mal alle, die er fĂŒr unfĂ€hig hĂ€lt,
und ersetzt sie durch die Gewinner eines KreuzwortrÀtseltests.
Unter ihnen: Joan Clarke, die ihm intellektuell ebenbĂŒrtig ist.
Die Maschine und der Mensch
Ein Spion wird vermutet – und Alan steht unter Verdacht.
Doch Beweise fehlen.
Als keine Fortschritte gelingen, will der Kommandant das Projekt einstellen.
Aber das Team steht hinter Alan:
„Wenn er geht, gehen wir alle.“
Alan bleibt.
Und verlobt sich mit Joan –
nicht aus Liebe, sondern, um ihre Eltern zu beruhigen,
damit sie weiter mitarbeiten darf.
Ein Kollege entdeckt, dass Alan schwul ist, verrÀt ihn aber nicht.
Der Durchbruch
Durch ein GesprĂ€ch ĂŒber Nachrichtenformeln fĂ€llt Alan die Lösung ein:
Jede deutsche Meldung beginnt mit einem Wetterbericht und endet mit
„Heil Hitler.“
Diese bekannten Wortmuster ermöglichen seiner Maschine,
den Code schneller zu knacken – und es gelingt.
Doch die Entdeckung bleibt streng geheim.
WĂŒssten die Nazis, dass Enigma entschlĂŒsselt ist,
wĂŒrden sie sofort alles Ă€ndern.
Selbst nach dem Krieg bleibt das Wissen unter Verschluss.
Alan trennt sich von Joan –
sie liebt seinen Verstand, doch er bleibt gefangen in seiner Andersartigkeit.
1951 – Der Fall Turing
Ein Einbruch in Turings Wohnung fĂŒhrt zu Ermittlungen.
Man verdĂ€chtigt ihn erst der Spionage –
findet dann aber heraus, dass er homosexuell ist.
Er hat die Wahl:
Zwei Jahre GefĂ€ngnis – oder chemische Kastration.
Um weiter arbeiten zu können, entscheidet er sich fĂŒr die Hormonbehandlung.
Sie stĂŒrzt ihn in tiefe Depressionen.
Alan Turing nimmt sich das Leben – mit einem vergifteten Apfel.
đ Besetzung
-
Benedict Cumberbatch (Sherlock, Star Trek: Into Darkness, Stimme von Smaug in Der Hobbit)
-
Keira Knightley (Fluch der Karibik)
-
Mark Strong (Kick-Ass, Der Adler der neunten Legion, Sherlock Holmes)
-
Charles Dance (Game of Thrones, Alien 3)
-
Matthew Goode (Watchmen)
-
Allen Leech (Downton Abbey)
-
Matthew Beard (Chatroom) – Eyecandy des Films, hoffentlich bald öfter zu sehen.
Viele Figuren gab es tatsÀchlich,
aber natĂŒrlich wurde einiges filmisch verdichtet und dramatisiert.
𧩠RealitÀt & Rehabilitierung
Turing starb an einer Cyanidvergiftung; neben ihm lag ein angebissener Apfel. Ob dieser tatsĂ€chlich vergiftet war, ist nicht abschlieĂend geklĂ€rt.
SchĂ€tzungen zufolge verkĂŒrzte seine Arbeit den Krieg möglicherweise um bis zu zwei Jahre und rettete Millionen Menschenleben. Exakt messen lĂ€sst sich das natĂŒrlich nicht, aber dass Turings Arbeit den Sieg der Alliierten erheblich beschleunigte, steht auĂer Frage.
Doch anstatt ihn zu ehren, wurde er verurteilt –
wegen seiner HomosexualitÀt.
Lange hieà es, man könne die Strafe nicht nachtrÀglich aufheben,
da die damalige Rechtslage „gĂŒltig“ gewesen sei.
Erst am 24. Dezember 2013 wurde Alan Turing von der Queen begnadigt.
Aber ehrlich?
Eine Begnadigung ist der falsche Begriff.
Er hat nichts getan, wofĂŒr man ihn begnadigen mĂŒsste.
Turing war kein Verbrecher –
die Gesetze waren es.
đ§ Fazit
Der Film spielt in drei Zeitebenen:
-
Turings Kindheit – erklĂ€rt, warum er wurde, wer er war
-
Der Krieg – zeigt seine GenialitĂ€t
-
Die Nachkriegszeit – zeigt, wie man ihn trotz allem gebrochen hat
Benedict Cumberbatch liefert eine Paraderolle ab.
Der Film ist ihm wie auf den Leib geschrieben:
ein genialer, aber sozial unbeholfener Mann,
der die Welt verĂ€ndert – und daran zerbricht.
Auch die Nebenrollen sind stark,
viele bekannte Gesichter sorgen fĂŒr Tiefe und Wiedererkennung.
đ Ăber die queere Darstellung
Manche Kritiker warfen dem Film vor,
er sei „feige“, weil Turings HomosexualitĂ€t nicht offen gezeigt wird.
Ich sehe das anders.
Ich fĂŒhre den Film bewusst unter Queer Cinema,
weil er zeigt, wie es war, schwul zu sein in einer feindlichen Zeit.
Eine Sexszene wÀre da völlig fehl am Platz gewesen.
Es geht nicht um Körperlichkeit –
sondern um Leistung, IdentitÀt und gesellschaftliche Grausamkeit.
Der Film ist spannend, witzig, tragisch und bewegend –
alles, was gutes Kino braucht.
đĄ 9 von 10 Punkten.
đŹ Ein Film ĂŒber Intelligenz, Einsamkeit und Ungerechtigkeit – und darĂŒber, wie ein Mann die Welt rettete, die ihn verurteilte.
đ Bewertungsmatrix – The Imitation Game
Story ⭐⭐⭐⭐☆ Drei Zeitebenen, klare Spannung und ein starkes Zentrum – auch wenn die RealitĂ€t filmisch deutlich verdichtet wird
Darsteller ⭐⭐⭐⭐⭐ Benedict Cumberbatch trĂ€gt den Film fast mĂŒhelos; Keira Knightley, Mark Strong und Charles Dance ergĂ€nzen stark
Spannung ⭐⭐⭐⭐☆ Der Codekrieg wird verstĂ€ndlich und packend erzĂ€hlt, ohne sich zu sehr in Technik zu verlieren
Emotion ⭐⭐⭐⭐⭐ Turings Kindheit, seine Einsamkeit und sein spĂ€teres Schicksal geben dem Film echte Tragik
Queere Darstellung ⭐⭐⭐⭐☆ Keine körperliche Liebesgeschichte, aber ein eindringlicher Film ĂŒber HomosexualitĂ€t in einer feindlichen Zeit
Historische Genauigkeit ⭐⭐⭐☆☆ Viele reale Eckpunkte stimmen, doch der Film dramatisiert und vereinfacht deutlich
Nachwirkung ⭐⭐⭐⭐⭐ Der Film bleibt hĂ€ngen, weil er nicht nur von GenialitĂ€t erzĂ€hlt, sondern von der Grausamkeit einer Gesellschaft, die ihren Retter bestrafte
đ„ Endwertung: 9 von 10 Punkten
Ein spannendes, bewegendes historisches Drama ĂŒber Intelligenz, Einsamkeit und Ungerechtigkeit – und ĂŒber einen Mann, der die Welt rettete, wĂ€hrend die Welt ihn verurteilte.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen