🎞️ Mommy (2014)
Ich wusste kaum etwas über den Film, als ich ins Kino ging – nur, dass es ein Drama sein sollte, kein typischer Blockbuster, und dass der Hauptdarsteller angeblich gut aussehen sollte (na ja … geht so).
Also saß ich zum ersten Mal in der Traumfabrik in Kiel, meinem kleinen Lieblingskino für Filme, die nicht im Multiplex laufen – und ließ mich überraschen.
⚠️ Inhalt mit Spoiler
Steve, 16 Jahre alt, impulsiv und gewalttätig, fliegt aus einem Pflegeheim, nachdem er dort die Cafeteria angezündet und einen anderen Jungen schwer verletzt hat.
Kein Heim will ihn mehr aufnehmen.
Seine Mutter Die (Anne Dorval) hat nun zwei Optionen:
Entweder sie gibt ihre Rechte ab, und Steve kommt in eine geschlossene Einrichtung –
oder sie nimmt ihn zu sich nach Hause.
Für sie ist klar: Steve kommt heim.
Denn trotz allem liebt sie ihren Sohn und ist überzeugt,
dass eine geschlossene Anstalt ihn endgültig brechen würde.
Vor drei Jahren war ihr Mann gestorben,
seitdem ging alles bergab: Schulden, Wutausbrüche, Heimeinweisung.
Doch auch zu Hause eskaliert die Lage schnell wieder.
Als Die Steve des Diebstahls verdächtigt,
würgt er sie im Streit –
bis er sich am Bein verletzt.
Ein Arztbesuch wäre nötig,
doch Die will nicht auffallen – zu groß die Angst vor den Behörden.
Da taucht die Nachbarin Kyla (Suzanne Clément) auf.
Eine Lehrerin im Sabbatjahr,
die stottert und offenbar selbst psychisch angeschlagen ist.
Sie hilft Steve notdürftig,
und zwischen den dreien entsteht eine vorsichtige Freundschaft.
Kyla unterrichtet Steve,
Die arbeitet als Putzkraft und Übersetzerin –
und für eine Weile scheint alles besser zu werden.
Steve wird ruhiger,
träumt von einem Schulabschluss,
und die kleine Ersatzfamilie funktioniert irgendwie.
Doch dann kommt ein Brief:
Die muss für die Schäden im Heim aufkommen,
wo Steve das Feuer gelegt hat.
Die Schulden, die Angst – alles kehrt zurück.
Ein letzter Versuch, Hilfe zu bekommen, scheitert.
Steve versucht, sich das Leben zu nehmen.
Schließlich sieht Die keinen anderen Ausweg mehr:
Sie bringt Steve in eine Klinik und tritt die Rechte an ihm ab.
Die und Kyla, die inzwischen Freundinnen geworden sind,
verabschieden sich –
und Kyla zieht weg.
In der letzten Szene nimmt Steve Anlauf,
um durch das geschlossene Fenster zu springen.
🎬 Hintergrund
Der Film stammt von Xavier Dolan,
dem jungen kanadischen Regiewunder,
das hier nicht nur Regie führte,
sondern auch Drehbuch und Produktion übernahm.
Damit konnte er exakt den Film drehen, den er wollte –
und das merkt man.
Anne Dorval spielte bereits in Dolans I Killed My Mother die Hauptrolle,
hier also eine Art Wiedersehen.
An ihrer Seite:
Suzanne Clément als Kyla und Antoine Olivier Pilon als Steve.
In Deutschland zwar eher unbekannt,
aber alle drei spielen stark und glaubwürdig.
💭 Fazit
Ich tue mich schwer, Mommy zu bewerten.
Der Film hat Längen – mit Werbung saß ich knapp 2½ Stunden im Kino.
Das Ende zieht sich,
und der Film findet nur langsam einen Abschluss.
Zwei Leute vor mir sind kurz vor Schluss gegangen –
verständlich, aber schade,
denn das Finale ist emotional stark.
Trotz dieser Schwächen ist Mommy ein sehenswerter Film.
Die Schauspieler sind hervorragend,
gerade Anne Dorval liefert eine Mischung aus Humor und Verzweiflung,
die echt wirkt.
Auch der Soundtrack ist wunderbar gewählt –
von Oasis über Dido bis zu Andrea Bocelli –
und trägt die Stimmung perfekt.
Das größte Stilmittel aber ist das quadratische Bildformat (1:1).
Anfangs wirkt es befremdlich, fast klaustrophobisch.
Doch als Steve später aufblüht,
zieht er das Bild selbst auseinander –
die Welt öffnet sich, wortwörtlich.
Und als alles wieder zusammenbricht,
verengt sich das Bild erneut.
Eine einfache, aber brillante Idee,
die Dolans Handschrift unverwechselbar macht.
Am Ende bleibt ein Film,
der viel will, manches überzieht,
aber in seinen besten Momenten tief berührt.
⭐ 7 von 10 Punkten
Ein mutiges, intensives Drama –
sperrig, überlang, aber künstlerisch beeindruckend.
📊 Bewertungsmatrix – Mommy (2014)
Story ⭐⭐⭐☆☆ Intensives Mutter-Sohn-Drama zwischen Liebe, Überforderung und Eskalation
Darsteller ⭐⭐⭐⭐☆ Anne Dorval, Suzanne Clément und Antoine Olivier Pilon spielen roh, glaubwürdig und schmerzhaft nah
Inszenierung ⭐⭐⭐⭐☆ Das 1:1-Bildformat ist mehr als Spielerei: Es wird zum emotionalen Käfig des Films
Tempo ⭐⭐⭐☆☆ Stark in den Momenten, aber spürbar lang und gegen Ende etwas gedehnt
Soundtrack ⭐⭐⭐⭐☆ Pop, Pathos und Schmerz greifen wirkungsvoll ineinander
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