Edgar Wallace ist natürlich so ein Name, den man kennt. Irgendwie. Nebel, Scotland Yard, alte Schlösser, seltsame Erbschaften, Klaus Kinski steht vermutlich irgendwo im Flur und schaut verdächtig.
Ich habe als Kind wohl mal einen dieser Filme gesehen, aber meine Erinnerung daran ist ungefähr so präzise wie ein Testament in einem Geheimgang. Ich weiß nicht mehr, welcher Film es war. Ich weiß nicht mehr, was passierte. Stil, Aufbau, Täter, Opfer, alles weg.
Darum wollte ich hier im Blog mal den Versuch wagen und den Wallace-Filmen eine kleine Chance geben. Nimmt man alle Filme ab 1959 zusammen, kommt man auf 38 Titel. Das ist ein Berg, und ich werde garantiert nicht sofort den ganzen Nebel-Himalaya erklimmen. Ich starte erst einmal mit zwei oder drei Filmen und schaue, ob mir diese Mischung aus Krimi, Gruselkulisse und altdeutschem Mordtheater überhaupt liegt.
Da die Filme, soweit ich weiß, bis auf wenige Ausnahmen nicht direkt aufeinander aufbauen, muss ich mich auch nicht streng an eine Reihenfolge halten. Ich kann also einfach nehmen, was gerade verfügbar ist. Und da ich nun mal ein Freund pragmatischer Filmplanung bin, nehme ich natürlich den Titel, den ich ohne Zusatzkosten bei Amazon schauen kann.
Der erste Wallace-Film, der mir dort über den Weg gelaufen ist, ist Die Gruft mit dem Rätselschloss.
Was erwarte ich? Im besten Fall eine leicht trashige Whodunit-Geschichte, die man nicht zu ernst nehmen muss. Seichte Krimiunterhaltung aus einer anderen Zeit, mit genug Nebel, Verdächtigen und geheimnisvollen Türen, um einen Abend ordentlich zu füllen.
Inhalt mit Spoiler
Eine Bande hat vor Jahren mit getürkten Glücksspielen viel Geld gemacht, sich inzwischen aber entzweit. Nun liegt der Mann im Sterben, der den größten Teil des Geldes besitzt, und bekommt plötzlich ein schlechtes Gewissen. Denn durch ihren Betrug hatte sich damals ein Mann das Leben genommen. Die traurigen Augen seiner Tochter hat Ray Real nie vergessen, und jetzt, dem Tode nahe, beschließt er, ihr sein gesamtes Vermögen zu überschreiben.
Das passt den anderen Halunken natürlich überhaupt nicht. Nur kommen sie nicht an das Geld heran, denn der Alte hat seinen Schatz in einer Gruft mit einem Rätselschloss versteckt. Der Weg dorthin ist außerdem mit tödlichen Fallen gespickt. Da hat offenbar jemand nicht nur Geld versteckt, sondern gleich noch einen kleinen Freizeitpark für Berufskriminelle gebaut.
Kathleen, die Erbin werden soll, kommt mit ihrem Anwalt Westlake in London an, wird jedoch von den falschen Männern abgeholt. So landen beide als Gefangene bei Connor, einem der Gangster. Der möchte, dass Kathleen mit ihm zusammenarbeitet, wofür sie allerdings eigentlich keinen Grund hat. Außer natürlich, dass sie gerade in einem Wallace-Film steckt und dort vernünftige Entscheidungen nur in homöopathischer Dosierung vorkommen.
Ein weiterer Mann aus der Bande ist Jimmy. Der rettet zunächst Real und bringt ihn in ein Versteck, eine alte Mühle. Anschließend rettet er auch Kathleen. Zwischendurch werden immer wieder Leute von einem unbekannten Scharfschützen erschossen. Nach und nach dezimiert sich so die Räuberschar: Entweder werden sie erschossen, oder sie beenden ihr Leben in den Fallen am Rätselschloss. Connor findet zwar Real, gerät dann aber leider in die Räder der Mühle. Da ist er platt.
Jimmy schafft es schließlich, Kathleen zu Real zu bringen. Kurz vor seinem Tod verrät Real ihr, wie man das Schloss öffnet. Genau darauf hat Jimmy gewartet. Seine Mutter pflegte Real, sein Bruder ist der Heckenschütze, und jetzt, wo Kathleen die Anleitung in der Hand hat, braucht Jimmy sie nicht mehr.
Zum Glück trifft Scotland Yard ein, und es kommt zu einer Schießerei. Jimmys Bruder gerät dabei ebenfalls in die Mühle und erschießt versehentlich Jimmy. Der Rest der Räuber, die gerade die Gruft sprengen wollen, um an das Geld zu kommen, wird festgesetzt. Kathleen kann ihr Erbe antreten.
Leider wird sie als Schlussgag zusammen mit den Leuten von Scotland Yard von Westlake versehentlich in der Gruft eingeschlossen. Na dann: Erbe gefunden, Freiheit verloren. Irgendwas ist ja immer.
Hintergrund
Innerhalb der Wallace-Reihe war Die Gruft mit dem Rätselschloss bei seinem Erscheinen der bis dahin schwächste Film der Reihe. Alle Vorgänger hatten mehr Besucher in die Kinos gelockt. „Nur“ 1,3 Millionen Menschen sahen den Film. Wobei man bei „nur“ natürlich aufpassen muss: Mit 1,3 Millionen Zuschauern würde ein deutscher Film heute meistens locker in den Top 5 der meistgesehenen deutschen Kinofilme des Jahres landen.
Aber natürlich ist diese Zahl nur bedingt vergleichbar, weil die Zeiten völlig andere waren. Kino ist heute eher Luxus oder Event. Damals, als längst nicht jeder Haushalt einen Fernseher hatte, war es viel normaler, regelmäßig ins Kino zu gehen und dabei vielleicht auch Filme mitzunehmen, die nur so halb passten. Hauptsache, Leinwand, Dunkelheit und irgendwer wird verdächtig durch ein Herrenhaus gejagt.
Die Hauptrolle spielt wohl Harald Leipnitz. Ich sage bewusst „wohl“, weil ich finde, dass hier schon eines der Probleme des Films liegt. Dazu im Fazit mehr. Wallace-Standardinventar, das sogar ich kenne, obwohl ich bisher noch nie einen Wallace-Film gesehen hatte, ist ebenfalls dabei: Eddi Arent und Klaus Kinski. Letzterer spielt den stummen Bruder, der hauptsächlich im Hintergrund steht und wild guckt. Aber gut, wenn Kinski irgendwo herumsteht und wild guckt, ist das ja im Grunde schon eine eigene Nebenhandlung.
Einige Außenaufnahmen, etwa am Bahnhof, wurden tatsächlich in London gedreht. Der Rest entstand in West-Berlin. Ebenfalls bezeichnend für die Zeit ist, wie verqualmt die Studios waren. Alle sind am Paffen, und eine Nebelmaschine hätten sie sich eigentlich sparen können. Überall hängen dicke Rauchwolken aus Zigarettenqualm in den Sets und schwabern durch die Räume, als hätte London persönlich eine Schachtel ohne Filter geraucht.
Mit der Arbeit an dem Stoff wurde bereits 1962 begonnen. Die Wallace-Reihe hatte zu diesem Zeitpunkt schon einige Erfolge vorzuweisen, also wollte man weitere Stoffe umsetzen. In diesem Fall griff man auf Der Safe mit dem Rätselschloss zurück, eine Kurzgeschichte von 1932. Als möglicher Titel war zeitweise Die Mühle des Grauens im Gespräch. Die ursprüngliche Idee, Kathleens Vater am Ende als maskierten Mörder zu enttarnen, verwarf der Regisseur jedoch und änderte das Drehbuch. Zu diesem Zeitpunkt stand dann auch schon der endgültige Titel des Films fest.
Fazit:
Tja, wie es aussieht, habe ich mir als meinen ersten Wallace-Film ausgerechnet einen der schwächeren ausgesucht. Die Gruft mit dem Rätselschloss fand ich tatsächlich ein wenig dröge. Es gibt einen sehr großen Personenkreis, und irgendwie sind sie alle hinter dem Geld her, das in der Gruft versteckt ist. Der Alte liegt ewig herum und bleibt einfach nicht tot, während alle anderen nach und nach sehr zuverlässig das Gegenteil beweisen.Gegen Ende gibt es zwar noch einen Mini-Twist, aber ich glaube, ein klassisches Whodunit hätte mir hier besser gefallen. Was nett war, waren die Ausstattung, die Musik und der Flair des Films. Schon der Anfang mit „Hier spricht Edgar Wallace“ ist natürlich ikonisch. Trotzdem fehlte mir ein wirklich markanter Gegenspieler: ein böser Mönch, ein Hexer oder irgendeine andere Gestalt, die aussieht, als hätte sie ihre Steuererklärung in einem Verlies ausgefüllt.
Kinski sagt kein Wort im Film, aber wenn der irgendwo im Hintergrund steht und wild schaut, reicht das ja meist schon. Trotzdem hat der Film bei mir nicht richtig gezündet. Da ist ordentlich Luft nach oben.
Mein größtes Problem mit dem Film ist die fehlende Hauptfigur. Wir haben niemanden, dem wir wirklich folgen. Erst scheint Kathleen diese Funktion zu übernehmen, dann verschwindet sie über weite Strecken des Films einfach aus dem Zentrum. Danach rückt Jimmy stärker nach vorne, wird am Ende aber als Bösewicht enttarnt. Dann soll es doch wieder Kathleen sein. Vielleicht ist der Film als Ensemblefilm gedacht, aber schöner wäre es gewesen, wenn wir eine klare Figur gehabt hätten, die uns durch die Handlung führt: die ahnungslose Erbin, der geläuterte Schurke oder ein Inspector, der den Fall aufklären will. Stattdessen springt der Film von A nach B, und das wirkt auf mich immer wieder etwas holperig, weil man nie so richtig mit einer Figur mitgeht.
4 von 10 möglichen Punkten.
Kategorie |
Wertung |
Begründung |
|---|---|---|
Story |
⭐⭐☆☆☆ |
Viele Figuren, Geldjagd, Fallen, aber kein starkes Zentrum |
Atmosphäre |
⭐⭐⭐⭐☆ |
Wallace-Flair, Gruft, Mühle, Rauch und Krimibühne funktionieren |
Figuren |
⭐⭐☆☆☆ |
Zu viele Verdächtige, zu wenig echte Hauptfigur |
Spannung |
⭐⭐☆☆☆ |
Eher behäbig, Mini-Twist statt großer Sog |
Ausstattung/Musik |
⭐⭐⭐⭐☆ |
Der alte Wallace-Look hat Charme |
Kinski-Faktor |
⭐⭐⭐☆☆ |
Stumm, wild blickend, trotzdem präsent |
Wiedersehwert |
⭐⭐☆☆☆ |
Eher für Wallace-Komplettisten als als Einstieg ideal |
Endwertung: 4 von 10 Punkten
Ein atmosphärischer,
aber eher dröger Wallace-Beitrag mit schöner Ausstattung,
ikonischem Flair und Kinski-Blick, dem aber eine klare Hauptfigur und
ein markanter Gegenspieler fehlen.
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