Nach all dem Blut und den Maskenmördern vom Freitag wird’s heute etwas ruhiger.
Weniger Messer, mehr Herz – aber mindestens genauso viel Schmerz.
Außerdem ist der Film der perfekte Start für das neue Label:
Queer Cinema.
Beautiful Thing habe ich
Anfang der 2000er im Nachtprogramm eines Dritten Programms gesehen.
Es war mein erster Coming-Out-Film – und deshalb sollte er auch der
erste sein, den ich hier bespreche. Für mich war es der Einstieg in
Nischenfilme, die auf Menschen wie mich zugeschnitten sind:
Homosexuelle, die eben auch mal ein wenig Herzschmerz sehen möchten.
Inhalt (mit Spoiler)
Jamie ist eine arme Wurst. Nicht besonders schön, nicht sportlich, und die anderen Jungs ärgern ihn ständig. Zuhause ist’s auch nicht besser: Er lebt mit seiner Mutter in einer Londoner Plattenbausiedlung. Sie hat wechselnde Liebhaber – aktuell Tony, den Maler. Jamie vermutet, sie hat ihn nur engagiert, weil das Wohnzimmer mal wieder gestrichen werden soll.
Nebenan wohnt Mama-Cass-Fan Leah mit ihrer Mutter – dauerbekifft, aber liebenswert. Auf der anderen Seite wohnt Ste mit seinem älteren Bruder und einem jähzornigen, alkoholabhängigen Vater.
Jamies Mutter Sandra arbeitet in einer Bar und hat Aussicht auf einen besseren Job – als Geschäftsführerin einer eigenen Bar mit Wohnung darüber. Doch das Vorstellungsgespräch läuft schlecht.
Ste wird derweil von seinem Vater und Bruder regelmäßig
verprügelt. Als Sandra den verletzten Jungen eines Abends auf der
Treppe findet, nimmt sie ihn auf – notgedrungen muss er bei Jamie
im Bett schlafen.
Erst reden sie nur – am nächsten Abend
kommt es zu mehr. Ein zaghafter Kuss, dann Nähe, dann Stille.
Am nächsten Tag kursieren schon Gerüchte: Leah hat durchs dünne Mauerwerk gehört, was passiert ist, und plaudert es aus. Ste ist entsetzt, hat Angst vor seinem Vater. Doch Sandra reagiert erstaunlich ruhig – und will nichts verraten. Sie hat ohnehin den Job bekommen und plant, bald umzuziehen.
Schließlich kommt es zur ikonischen Schlussszene:
Jamie und
Ste tanzen eng umschlungen auf dem Innenhof ihrer Siedlung – mitten
unter den Nachbarn.
Sandra und Leah tanzen mit, während Jamies
Mutter über ihre Brut wacht.
Im Hintergrund: Dream a Little
Dream of Me von den Mamas & the Papas.
Analyse
Was für ein Schluss! Diese Szene ist legendär – und sie
funktioniert, weil sie mutig, zärtlich und trotzig zugleich ist. Man
sollte sie als eine Art Parabel sehen:
Die Jungs haben sich
gefunden und tanzen dort, wo die Welt sie sehen kann. Die Nachbarn
reagieren mit Spott, Neugier oder Ablehnung – aber Jamies Mutter
steht beschützend hinter ihnen.
Der Soundtrack, geprägt von Mama Cass, verleiht dem Film eine warme Leichtigkeit, die viele spätere Coming-Out-Filme vermissen lassen.
Die Darsteller sind keine Modeltypen, sondern normale Menschen.
Keine gestählten Körper, keine Klischees – das macht Beautiful
Thing so echt.
Nur Leah wirkt manchmal etwas überdreht;
ihr Outing am Ende nehme ich ihr nicht ganz ab. Sie ist oft eher
Comic Relief als wirklich wichtig.
Man merkt dem Film an, dass er ursprünglich ein Theaterstück war. Fast alles spielt in zwei Wohnungen – aber das schadet nicht. Im Gegenteil: Die Figuren stehen im Vordergrund, nicht die Kulisse.
Interessant ist auch, dass dieser Film im britischen Fernsehen der
erste mit einem gleichgeschlechtlichen Kuss war –
was damals Proteste auslöste. Heute zuckt man darüber höchstens
mit den Schultern.
Der Film zeigt Zärtlichkeit, keine
Pornografie. Es geht um Emotionen, nicht um Körper. Wer auf Sex
hofft, wird enttäuscht – mehr als mal einen Po gibt es nicht zu
sehen, und das ist auch gut so.
Fazit
Ein Film, der eine 10 verdient, muss Einfluss haben – auf andere
Filme und auf seine Zuschauer.
Beautiful Thing hat
beides geschafft.
Für mich ist es der schönste schwule Liebesfilm, den es
gibt.
Darsteller, Musik, Atmosphäre – alles passt. Nur Leah
nervt gelegentlich, aber sie zerstört nichts.
Ein Film voller Herz, Wärme und Wahrheit.
10 von 10
Punkten.
Pflichtkauf für jede queere DVD-Sammlung – und für alle, die
einfach gute Filme mögen.
Mir ist dabei bewusst, dass 10/10
sehr hoch ist. Wird ein heterosexueller Mann diesen Film sehen und
sagen: „Wow! Meisterwerk!“? Vermutlich nicht.
Aber nehmen
wir andere großartige Filme – zum Beispiel Matrix. Wird
eine durchschnittliche Frau sagen: „Meisterwerk!“? Vermutlich
auch nicht.
Im Genre Queer Cinema ist Beautiful Thing jedoch ein echtes Meisterwerk. Er hat vielen Menschen beim Coming-out geholfen, und andere Filme müssen sich an ihm messen. Wenn ihr also einen schwulen Liebesfilm sehen wollt – greift zu diesem hier. Ihr macht nichts falsch.
:
🌈 Bewertung – Beautiful Thing (1996)
| Kategorie | ⭐ Bewertung | Kommentar |
|---|---|---|
| Story | 💬⭐⭐⭐⭐⭐ | Ehrlich, zärtlich, berührend – Coming-Out mit Herz statt Kitsch |
| Darsteller | 👬⭐⭐⭐⭐⭐ | Authentisch, natürlich, wunderbar unperfekt |
| Musik | 🎵⭐⭐⭐⭐⭐ | Mama Cass forever – Soundtrack mit Seele |
| Atmosphäre | 🌇⭐⭐⭐⭐⭐ | Warm, echt, britisch – man riecht förmlich den Plattenbau |
| Bedeutung | 🧠⭐⭐⭐⭐⭐ | Ein Meilenstein des Queer Cinema – mutig, wichtig, zeitlos |
| Emotionalität | 💖⭐⭐⭐⭐⭐ | Herz, Schmerz & Hoffnung in Reinform |
| Gesamt | 🎯 10 / 10 Punkten | Ein Film, der Trost spendet und Mut macht – Pflicht für jede queere Filmsammlung |
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